Vorab ein Zitat, das mich sehr berührt und bewegt hat und dem ich heute auch vollen Herzens zustimmen kann:
In dem Augenblick,
in dem man sich endgültig einer Aufgabe verschreibt,
bewegt sich die Vorsehung auch.
Alle möglichen Dinge, die sonst nie geschehen wären,
geschehen, um einem zu helfen.
Ein ganzer Strom von Ereignissen
wird in Gang gesetzt durch die Entscheidung.
Und er sorgt zu den eigenen Gunsten
für zahlreiche unvorhergesehene Zufälle,
Begegnungen und materielle Hilfen,
die sich kein Mensch vorher je so erträumt haben könnte.
Was immer Du kannst, beginne es.
Kühnheit trägt Genius, Macht und Magie.
Beginne jetzt![1]
Nach 84 Jahren Lebenserfahrung schaue ich jetzt auf meine Berufserfahrungen zurück:
In meinem Leben habe ich mich immer wieder für einen Neubeginn entschieden. Das vorher Betriebene habe ich ausprobiert, aber oft hat es einfach nicht mehr gestimmt. Jeder Neubeginn hat mich gereizt und fasziniert, bis das Neue dann im Alltag doch zur Routine wurde und mich wiederum Neues lockte. Wenn ich jetzt zurückschaue weiß ich, dass Vieles, was ich erlebte, auch eine Prüfung für mich war. Aber damals war mir das meistens überhaupt nicht bewusst.
Die erste Prüfung
Das war meine Berufswahl. Mein Vater war in meiner frühen Kindheit wie die meisten Väter in dieser Zeit als Soldat im Zweiten Weltkrieg, so dass ich ihn erst mit acht Jahren – zurückgekehrt aus der Gefangenschaft – richtig kennengelernt habe. Nach einigen mehr oder weniger vergeblichen Versuchen einen zivilen Beruf auszuüben, wurde mein Vater bei der neuen Bundeswehr Verwaltungsbeamter. Er war eigentlich immer – aus welchen Gründen auch immer – mit sich selbst und seinen Aktivitäten so beschäftigt, dass für mich nur ganz wenig Aufmerksamkeit übrigblieb. So gab er mir in diesem Beamtenhaushalt auch kaum irgendwelche Hinweise über für mich in Frage kommende Berufsmöglichkeiten.
Zur Überraschung besonders meines Vaters bestand ich die Aufnahmeprüfung für das Gymnasium. Aber als Pennäler in einem naturwissenschaftlichen Gymnasium hatte ich kaum ein Interesse am Unterricht, ich strolchte lieber mit brennenden Fackeln mit meinen Kameraden durch die halbverfallenen Kellergewölbe der zerbombten Hausruinen. Dementsprechend schlecht war dann auch mein Zeugnis, und ein BLAUER BRIEF mit der Botschaft „Versetzung gefährdet“ flatterte ins Haus. Daraufhin sagte mein Vater völlig ungerührt: „Wenn du in der Schule nicht lernen willst, geh` halt raus und lerne was Gescheites, mach eine Lehre!“
Wie, was, ne Lehre, dachte ich. Ich hatte ja überhaupt keine Ahnung, was ich da lernen und machen sollte.
Also war für mich klar:
Ich mache halt die Schule weiter. Daher beschloss ich: „Dem Vater, dem zeige ich es“!
War das von mir eine Flucht oder ein Fortschritt?
Heute glaube ich, es war beides!
In der nächsten Klasse war ich dann tatsächlich mit meinen Leistungen an der Spitze und bekam zur Überraschung meines Vaters eine Belobigung!
Nach gut bestandenem Abitur, ging es mir wieder so, dass ich wirklich nicht wusste, welche Berufsrichtung ich einschlagen sollte. Dennoch musste ich mich wieder mal entscheiden!
Also kam die nächste Prüfung:
Ich entschied mich für ein wissenschaftliches Studium an der Universität Stuttgart. Aber was sollte ich studieren? Betriebswirtschaft war mir völlig fremd, Mathematik war mir zu abstrakt, Maschinenbau erschien mir zu „schmutzig“ usw. Also entschloss ich mich für ein Studium der Elektrotechnik, Richtung Energietechnik, eigentlich ohne zu wissen, auf was ich mich da einlassen wollte. Dieses Studium erschien mir als ein reizvoller Einblick in eine neue, interessante Welt, erklärbar, präzise und berechenbar. Im Studium merkte ich sehr schnell, dass ich für bestimmte theoretische und wissenschaftliche Sachverhalte durchaus Interesse hatte, weil ich schon damals wissen wollte, wie die Welt beschaffen war und nach welchen Naturgesetzen das Ganze geordnet war.
Aber ich gebe es zu:
Was ich am meisten und am besten gelernt habe, waren wirksame Strategien, die anstehenden Examina erfolgreich zu bestehen. Dazwischen gab es auch Phasen, in denen ich mich völlig anderen Interessen zuwandte:
Ich wurde Sozial-Referent im ASTA und merkte zum ersten Mal, dass ich mich mit viel Energie für die sozialen Belange meiner Mitstudenten einsetzen konnte.
Das Diplom als Elektroingenieur schloss ich dann mit Leichtigkeit erfolgreich ab.
Jetzt war ich also mit 24 Jahren Diplom-Ingenieur der Elektrotechnik, Fachbereich Energietechnik. Mit diesem Abschluss bewarb mich dann bei der Allgemeinen Elektrizitätsgesellschaft AEG als Elektro-Diplomingenieur.
Ich wurde vorbereitet für meinen einzigen Großkunden DAIMLER BENZ, welcher damals alle seine Geschäftsbereiche wesentlich erweiterte, neue Trafostationen, Hochspannungs- und Schaltanlagen zu entwerfen und montieren zu lassen. Doch sehr bald zeigte sich bei mir, dass die theoretische wissenschaftliche Welt der Universität und die technische Praxis zwei unterschiedliche Ebenen sind, die an mich Anforderungen stellten, für die ich einfach nicht geeignet war.
Flucht oder Fortschritt?
Als ich das erkannte, kündigte ich und machte eine Ausbildung zum Berufsschullehrer für Elektrotechnik.
Die Ausbildung konnte ich mit Erfolg und Leichtigkeit absolvieren und ich spürte mit Befriedigung: Ja, ich war ein LEHRER.
Besonders der Neuanfang mit all den Herausforderungen faszinierte mich sehr und lenkte mich von gelegentlichen, aber leider sich verschlimmernden depressiven Verstimmungen ab. Obwohl ich durch die Entwicklung neuer Unterrichts-Methoden meine Kreativität entfalten und mit guter Begabung auch schwierige Sachverhalte anschaulich und verständlich erklären konnte, verstärkte sich leider meine Depression, so dass es mir im Alltag meines Lehrerdaseins immer schwerer fiel, die notwendige Präsenz im Unterricht aufrecht zu erhalten.
Flucht oder Fortschritt?
Wieder entschied ich mich für einen Neuanfang und begann ein nebenberufliches Zweitstudium der pädagogischen Psychologie an der Universität Tübingen. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Entwicklung des Menschen, die bestmögliche Förderung von Fähigkeiten von Schülern oder von Auszubildenden, die unterschiedlichen Lehr- und Lernmethoden, das war für mich höchst interessant, aber ich erhielt kaum eine mich befriedigende Antwort auf viele Fragen, die mich eigentlich schon damals interessierten:
Was ist der Mensch in seinem eigentlichen Wesen und wie kann er Fortschritte machen auf dem Weg zu sich selbst?
Mein wissenschaftliches Interesse galt dann dennoch den damaligen Lernzielen, die Lehrer in ihrem Unterricht anstreben oder erreichen sollten. Dazu erarbeitete ich für eine Dissertation ein neues System mit dem Lehrer ihre Lernziele nach bestimmten Kriterien und Stufen der Komplexität einordnen konnten. (Ich entwickelte dazu eine sogenannte zweidimensionale Taxonomie von Lernzielen.) Dadurch war es für Lehrer möglich, die Schwierigkeit der angestrebten Lernprozesse ihrer Schüler schon bei der Vorbereitung besser einzuschätzen. Nach vier Semestern meines nebenberuflich absolvierten Zweitstudiums schloss ich auch diese Phase meines Lebens ab und arbeitete wieder mit vollem Lehrauftrag als Berufsschul-Lehrer.
Flucht oder Fortschritt?
Dann entschied ich mich nach geraumer Zeit wiederum für einen Neuanfang:
Ich wurde pädagogischer Leiter an einem staatlichen Institut des Landes Baden-Württemberg, der Landesstelle für Erziehung und Unterricht und entwickelte dort ein neues Programm zur Ausbildung von Beratungslehrern und ein neues Informations-Programm zur Fortbildung der bereits ausgebildeten Beratungslehrer. Obwohl die Arbeit mich interessierte und ich dabei auch viel Neues kennen lernte, beendete ich diese Arbeit und war wieder bereit, Neues in meinem Leben zu wagen.
Flucht oder Fortschritt?
Jetzt bewarb ich mich als Fachleiter an einem Staatlichen Seminar für Schulpädagogik zur Ausbildung von Berufsschul-Lehrer- und Lehrerinnen und begann, für diese jungen Leute Vorlesungen im Fach Pädagogische Psychologie zu halten.
Da es damals keinerlei Lehrplan oder sonstige Vorschriften für mich gab, musste ich mit meinen Vorkenntnissen „ins kalte Wasser springen“ und versuchte zunächst ca. 120 Referendare und Referendarinnen in einem großen Vorlesungssaal ein Grundwissen zur besseren Motivation ihrer zukünftigen Schüler zu vermitteln. Ein intensiver Kontakt zu meinen Zuhörern, den ich mir eigentlich gewünscht hätte und die Kommunikation mit ihnen, war aufgrund der vorliegenden Situation äußerst schwierig.
Jedoch: „Alle möglichen Dinge, die sonst nie geschehen wären, geschehen, um einem zu helfen!“ [2]Und so war es auch wirklich:
Nach kaum zwei Monaten wurden die Referendare aufgrund einer Reform entsprechend ihren Berufsrichtungen in vier Gruppen eingeteilt, so dass ich jetzt in gutem Kontakt mit der jeweiligen kleineren Gruppe meinen Lehrplan entwickeln konnte. Mir war dabei ganz wichtig, immer wieder zu reflektieren, welches psychologische Grundwissen die zukünftigen Lehrer/innen für ihren Unterrichtsalltag benötigen. Ich überlegte mir auch immer wieder, wie ich außer dem notwendigen Wissen z. B. durch Rollenspiele mit den angehenden Lehrern Handlungs-Kompetenzen für die Unterrichts-Praxis vermitteln konnte. Das war für mich eine sehr kreative und erfüllende Aufgabe, der ich mit Freude und auch Erfolg nachkommen konnte.
In dieser Zeit schloss ich auch meine Promotion mit einem Doktor der Sozial- und Verhaltenswissenschaften an der Universität Tübingen ab.
Schließlich wurde ich zum Fachbereichs-Leiter für den Fachbereich Erziehungswissenschaften und zum Professor ernannt und durfte die Arbeit meiner Kollegen und Kolleginnen für die Fächer Pädagogik und Pädagogische Psychologie koordinieren.
Ohne zu übertreiben kann ich feststellen:
Ich war endlich dort angekommen, wo ich ankommen wollte. Ich war ein guter und erfolgreicher Lehrer für Lehrer geworden, auch wenn ich mich immer wieder bei der Entfaltung meiner inzwischen erworbenen Kompetenzen durch depressive Verstimmungen behindert gefühlt hatte.
Aber als ich fünfundsechzig Jahre alt wurde, war damit Schluss. Wiederum ging es um einen Neuanfang!
Flucht oder Fortschritt?
Wie war es für mich möglich, aus einer so erfüllenden Aktivität einfach in den sog. Ruhestand zu kommen?
Ja, klar, „Dauer-Urlaub“, Reisen und lange Wanderungen mit meiner Familie zu jeder Zeit und so lange ich wollte, die intensive körperliche Arbeit an einem neu gepachteten verwahrlosten Garten, der Skisport mit rasanten Abfahrten usw. befriedigte mich durchaus eine gewisse Zeit lang. Aber in mir brannte eine Sehnsucht wirklich herauszufinden, was mit mir und meiner Depression eigentlich los war. Ohne die beruflichen Anforderungen und Aktivitäten konnte ich in der zeitweilig eingetretenen Stille meine innere Belastung jetzt noch viel deutlicher spüren. Zehn weitere Jahre war ich wieder auf der Suche, es war eine Suche nach mir selbst. Als ich fünfundsiebzig Jahre alt geworden war, wusste ich: Es gibt noch einen weiteren Neuanfang!
Flucht oder Fortschritt?
Ich beschloss, eine berufliche „Selbständigkeit“ zu beginnen und meldete ein Gewerbe als Psychologischer Berater mit „Meditativen Atemsitzungen“ an.
Nach weiteren zehn sehr erfüllten Lebensjahren stehe ich heute an dieser Stelle und bin mit großer Freude dabei, meine Klienten und Klientinnen bei ihren Selbstheilungs-Prozessen zu beraten, leite Heilungs-Meditationen an und habe die Tensor-Heilmethode THM zur Ermittlung und Auflösung der SIEBEN PSYCHISCHEN URSACHEN von Problemen und Beschwerden entwickelt und erfolgreich erprobt. Inzwischen gebe ich auch Supervision für eine Psychotherapeutin, die beginnt ihre psychotherapeutischen Kompetenzen mit der Heilmethode THM zu ergänzen.
Fazit: Flucht oder Fortschritt?
Vielleicht war die eine oder die andere Entscheidung auch eine Flucht. Wenn es eine war, war es aber immer eine Flucht nach vorne!
Heute, nach dem glücklich überstandenen doppelten Bandscheiben-Vorfall und der Heilung der äußerst schmerzhaften Entzündung meines Ischiasnervs, fühle ich mich noch viel mehr mit dem Leben und mit meinen Mitmenschen verbunden. Besonders über meinen Tensor habe ich Zugang bekommen zu einer allumfassenden und universellen Weisheit, die mich anleitet, das Leben immer mehr ohne Urteil und Bewertung so anzunehmen, wie es ist. Immer mehr spüre ich auch die starken inneren Kräfte, die sich entfalten, „wenn ich mich einer Aufgabe verschreibe!“ Und ich kann beobachten, wie durch meine klaren Entscheidungen „ein ganzer Strom von Ereignissen in Gang gesetzt werden, der für zahlreiche unvorhergesehene Zufälle, Begegnungen und materielle Hilfen zu den eigenen Gunsten sorgt!“ So kann ich die tiefe Wahrheit des zu Beginn des Kapitels Zitierten voll und ganz bestätigen
[1] Dieses Zitat wird oft J. W. v. Goethe zugeschrieben, wurde aber in der vorliegenden Fassung wohl aufgrund von ähnlichen Zitaten von Goethe (vielleicht aufgrund der Lektüre von Goethes „Faust“ oder von „Wilhelm Meisters Wanderjahre“ angeregt) in der vorliegenden Fassung von W.H. Murray formuliert. Goethe selbst hat öfters betont, wie wichtig Tatkraft und Umsetzung und nicht nur Wille und Wissen sind.
[2] Vgl. das Zitat am Anfang des Beitrags
